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Leselust

Wir wollen in diesem Menüpunkt unsere Leselust teilen – unsere Kundinnen und Kunden und das Buchtipp-Team schreiben an dieser Stelle ein paar Zeilen (oder auch mehr ...) zu einem Buch, das vielleicht das Gefühl hinterlässt:

„Ich beneide alle, die dieses Buch noch nicht gelesen haben ...“

Manchmal gehören auch Enttäuschung oder Lesefrust dazu ... An dieser Stelle können Sie in individuellen Lesarten und persönlichen Eindrücken interessanter Bücher schmökern und sich inspirieren lassen.

Susan Kreller, Pirasol

(Empfohlen von Heike Carstensen)

Wenn ich etwas über ein Buch schreibe, beginne ich üblicherweise damit, ein wenig von der der Geschichte zu erzählen. Doch was kann ich von diesem Buch preisgeben, ohne der künftigen Leserin, dem künftigen Leser etwas vom Lesevergnügen zu nehmen? Ich könnte vage bleiben, wie der Klappentext; etwas sagen, ohne etwas mitzuteilen.

Dieses Buch muss man sich erlesen, muss miterleben, wie sich Steinchen für Steinchen das Mosaik zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Oder nein, das ist nicht ganz richtig. Nichts fügt sich zusammen, es ist ja alles da. Das Bild wird nur Stück für Stück freigelegt; mal eine Partie oben rechts, dann ein Ausschnitt in der Mitte und dann etwas unten links ...

Kleinste Details können sich im späteren Verlauf der Erzählung als ganz wichtig erweisen. Und doch handelt es sich bei „Pirasol“ nicht um eine platte „Such-den-Hinweis-Geschichte“. Und trotzdem ist es ganz wichtig, alles mit großer Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Nichts ist rein zufällig da.

Man könnte das Buch in einem Rutsch durchlesen, doch täte man es, wäre das schade. Ich empfehle, es Häppchen für Häppchen zu genießen, wie eine Schachtel exquisiter Pralinen. Die schlingt man schließlich auch nicht in möglichst kurzer Zeit in sich hinein. Beim langsamen Erlesen kann man sich auch die wunderbare und ganz eigenwillige Sprache quasi auf der Zunge zergehen lassen.

Als ich mir in einer Hotelbar eine kleine Portion Pirasol genehmigte, sprach mich die Barkeeperin an. Sie lese ja auch sehr gerne. Ob sie sich wohl den Titel notieren dürfe und ob ich ihr das Buch denn empfehlen könne. Meine Antwort: „Unbedingt!“

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten

(Besprochen von Heike Herrberg)

Francoise Frenkel eröffnete Anfang der 1920er-Jahre die erste französische Buchhandlung in Berlin. Ihre Liebe zu Büchern wurde früh geweckt und zu ihrem 16. Geburtstag durfte sie sich endlich einen Bücherschrank ganz nach ihrem Geschmack bauen lassen: mit vier verglasten Seiten. „Dieses Möbelstück meiner Träume stellte ich in die Mitte meines Zimmers.“ Ihr Studium in Paris verbringt die in Polen geborene Jüdin neben der Sorbonne hauptsächlich bei den Bouquinisten an der Seine. Dann entsteht, eher zufällig, die Idee, in der deutschen Hauptstadt eine Buchhandlung für französische Literatur zu eröffnen. Als dieses Unternehmen unter den Nazis immer schwieriger und schließlich verboten wird, muss Frenkel ihr Geschäft 1939 schließen. Dieser Teil der Geschichte wird auf knapp 30 Seiten beschrieben.

Jetzt beginnen die Jahre des Unterwegsseins, des Sich-Versteckens, der Flucht – ein Grundmotiv dieses Buches. Über Paris gelangt Francoise Frenkel erst nach Avignon, dann voller Hürden – für den unter der Vichy-Regierung stehenden Süden ist ein Visum nötig – ins zunächst noch „freie“ Nizza. „Ich wusste nicht, dass ich mich zugleich der dramatischsten Zeit meiner Existenz näherte!“ Das Leben ist nun gekennzeichnet von Ämtergängen, endlosen Warteschlangen für eine Aufenthaltsgenehmigung, verheerenden Nachrichten aus der polnischen Heimat, Hamsterfahrten für Lebensmittel, der ständigen Angst vor Razzien, vor der Überprüfung der teils gefälschten Ausweispapiere – vor Abschiebung und Deportation. Diese tagtägliche Bedrohung, die Einsamkeit, ohne Nachrichten von der Familie, immer wieder auf der Suche nach einem Schlafplatz, nach einem Ausweg – im wahrsten Wortsinne – ist bei der Lektüre stets präsent und macht das Buch zu einem anschaulichen Stück Zeitgeschichte.

Mit der selbstlosen Hilfe eines französischen Ehepaars flieht Francoise Frenkel monatelang von Versteck zu Versteck, bis ihr beim dritten Versuch endlich die Flucht in die Schweiz glückt. Ihr psychischer Zustand im Exil, wo sie gleich 1943 mit dem Schreiben dieses Buches beginnt, wird in einer kurzen Vorbemerkung deutlich: „Ich gedenke (…) meiner Schweizer Freunde, die mir die Hand gereicht haben in dem Augenblick, da ich unterzugehen drohte, und des hellen Lächelns meiner Freundin Lie, die mir geholfen hat weiterzuleben.“

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Imbolo Mbue, Das geträumte Land

(Empfohlen von Heike Carstensen)

Er hat einen Traum, Jende Jonga aus der Stadt Limbe in Kamerun: Er möchte für sich und seine Familie ein gutes Leben. Und da ihm das in seiner Heimat nicht möglich scheint, nutzt er ein Besuchervisum für die USA, um in New York zu bleiben. Später holt er seine Frau und seinen Sohn nach. Sie leben in einer ärmlichen Wohnung in Harlem, ihr Aufenthaltstatus ist ungewiss, aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist groß. Und dann bekommt Jende eine gut bezahlte Arbeit als Fahrer für die Familie eines Investmentbankers bei Lehman Brothers, und die erträumte Zukunft scheint zum Greifen nah: Es ist genügend Geld da, um auf eine eigene Wohnung zu sparen, Jendes Frau Neni studiert mit Feuereifer für ihren Traumberuf Apothekerin und der Sohn findet schnell Freunde in seiner neuen Schule.
Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ja! Wenn sich dann aber das Blatt zu wenden beginnt, so liegt es nur oberflächlich an äußeren Ereignissen wie Wirtschaftskrise und der Pleite von Lehman Brothers. Es sind letztendlich zwischenmenschliche Verwerfungen, Alkohol- und Medikamentensucht, Eheprobleme, Schwierigkeiten mit den Lebenszielen der Kinder, die die Banker-Familie Edwards in den Abgrund ziehen.
Auch Familie Jonga wird in diesen Abwärtsstrudel mit hineingezogen. Jende verliert seine Arbeit und es zeigt sich, dass er und Neni nicht immer an einem Strang ziehen. Imbolo Mbues Roman ist eine gut erzählte Geschichte, die lange nachwirkt, u.a. weil sie sehr viele Fragen aufwirft. Besonders beschäftigt hat mich Nenis Schicksal. Als Studentin ist sie sehr ehrgeizig und zielstrebig und solange sie studiert, kann sie ganz legal in den USA bleiben. Sie könnte den Verbleib ihrer Familie im Land sichern, wenn auch vielleicht auf eine etwas „krumme“ Tour. Neni scheut sich nicht, mit härteren Bandagen zu kämpfen, wenn es denn nötig ist. Das sieht bei ihrem Mann ganz anders aus: Er leidet unter den Streitigkeiten mit der Einwanderungsbehörde, seine geringen beruflichen Perspektiven in der Wirtschaftskrise vergällen ihm sein einstiges Traumland.
Was ist besser? Seinen eigenen Weg gehen und riskieren, dass die Familie zerbricht? Als Familie zusammenbleiben und dafür einen großen Lebenstraum opfern? Vor dieser Entscheidung stehen Neni und Jende – und wie sie sich entscheiden, erfährt man, wenn man dieses wunderbare Buch bis zum Ende liest. Und das ist ein Vergnügen.

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Connie Palmen, Du sagst es
Diane Middlebrook, Du wolltest deine Sterne

Zwei Bücher über Sylvia Plath und Ted Hughes - Heike Carstensen hat sie für uns besprochen.

 

Magnetisch wird mein Blick von einem Coverfoto angezogen. Es zeigt das Schriftstellerpaar Sylvia Plath und Ted Hughes; sie im Profil, den Blick leicht nach oben in die Ferne gerichtet; ihn im Halbprofil, mit halbgeschlossenen Augen nach unten blickend. Sie sind zusammen auf diesem Foto und doch weit voneinander entfernt. Das Bild soll kurz nach einem heftigen Streit entstanden sein. Das Foto befindet sich auf dem Cover von Connie Palmens Buch „Du sagst es“ und es ziert zugleich die Banderole der Biografie „Du wolltest deine Sterne“ von Diane Middlebrook.

– Ein Coverfoto, zwei Bücher, ein Thema: die Beziehung Sylvia Plath – Ted Hughes. Die beiden lernten sich 1956 in Cambridge kennen und heirateten kurz darauf. Sechs Jahre lebten und arbeiteten sie zusammen, bekamen zwei Kinder. Sie förderten einander und entwickelten so ihre jeweils ganz eigene dichterische Stimme. 1962 begann Ted Hughes eine Beziehung mit Assia Wevill und trennte sich von Sylvia, die 1963 Selbstmord beging. Der Schuldige war schnell ausgemacht: der treulose Ehemann. Ted Hughes, der es nie besonders gemocht hatte in der Öffentlichkeit zu stehen, schwieg; sogar über seinen Tod im Jahr 1998 hinaus. Sein Nachlass ging an die Emory University in Atlanta, wo ein Teil der Dokumente im Jahr 2000 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Ein weiterer Teil bleibt jedoch bis 2023 unter Verschluss. Connie Palmen – eine Expertin für die literarische Bearbeitung schwieriger Beziehungen – verleiht dem „Schweiger“ Ted Hughes ihre Stimme und lässt ihn nun all das erzählen, was er zu Lebzeiten nie erzählt hätte.

Als Leser/innen werden wir Zeugen seiner ersten Begegnung mit Sylvia und begleiten beide auf dem weiteren gemeinsamen Lebensweg. In dieser Beziehung spielen jedoch schon immer Plaths früh verstorbener Vater und der Tod selbst (als Jugendliche unternahm Sylvia einen ersten Selbstmordversuch) eine Rolle. Und so schwingen von Beginn an Gedanken an das Ende mit, sehr passend für einen Mann, der Astrologe war und über das Ouija-Brett mit Geistern in Kontakt trat. Ich habe Connie Palmens Buch sehr gerne gelesen und kann es absolut empfehlen. Aber: Auch wenn es um eine wahre Geschichte und um reale Personen geht, ist und bleibt es ein Roman. Er bleibt sehr nahe an den überlieferten und nachprüfbaren Fakten, aber erzählt die Geschichte aus der ganz subjektiven Perspektive Ted Hughes, der, wie wir ja wissen, stets geschwiegen hat.

Denjenigen, die mehr wissen wollen, an Fakten, einer objektiveren und weniger literarisierten Version der Geschichte interessiert sind, würde ich auf alle Fälle als Ergänzung (oder als Alternative) „Du wolltest deine Sterne“ von Diane Middlebrook empfehlen. Hier werden beide Geschichten erzählt, Sylvias und Teds; Connie Palmen beschreibt Plath ja nur durch die Hughes-Brille. Bei Diane Middlebrook steht die künstlerische Gemeinschaft im Mittelpunkt. Beide lasen einander immer alles vor, was sie geschrieben hatten. Er half ihr über Phasen der Verzweiflung / Zweifeln an sich selbst hinweg; sie schubste den Öffentlichkeitsscheuen ein wenig mehr ins Rampenlicht. Wir erfahren viel über den familiären Hintergrund, z.B. über Sylvias schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, aber auch über Teds innige Beziehung zu seinem älteren Bruder. Ich bin froh, dass ich Diane Middlebrooks Biografie schon gelesen hatte, als ich mich an die Lektüre von „Du sagst es“ machte. So konnte ich mich Connie Palmens Erzählstrom hingeben, ohne befürchten zu müssen, mich in ihm zu verlieren.

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Alex Capus, Das Leben ist gut

(Empfohlen von Silke Horn, Buchtipp)

Das Leben ist gut

Alex Capus erzählt in seinem neuen Roman in ruhiger und undramatischer Weise vom Alltäglichen, deren besonderer Reiz in der genauen Beobachtung liegt. Beim Lesen dieses Buches gewinnt man den Eindruck, hier ist ein Autor, der mit seinem Leben zufrieden ist. Dieses Buch zu Lesen ist einfach ein Freude.

"Max ist seit fünfundzwanzig Jahren mit Tina verheiratet, sie ist die Liebe seines Lebens. Er betreibt eine kleine Bar, tagsüber bringt er das Altglas weg, repariert das Mobiliar – oder begibt sich auf die Suche nach einem ausgestopften Stierkopf, der unbedingt über dem Tresen hängen soll. Max liebt sein Leben, so wie es ist, seine Familie, seine Freunde. Das wird ihm einmal mehr bewusst, als Tina zum ersten Mal in ihrer gemeinsamen Ehe beruflich ohne ihn unterwegs ist. „Das Leben ist gut“ verteidigt mit scharfem und versöhnlichen Blick, das, was im Alltag schnell übersehen wird. Es ist ein Roman über das Menschsein – vor allem aber eine Hymne an die Liebe." (Klappentext)

Ein "Hauch von Schönheit" ist das Buch für Ulrich Seidler fr-online

 

Mechtild Borrmann, Trümmerkind

(Empfohlen von Greta Wüppen, Buchtipp)

Vier Erzählstränge von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die frühen 90er Jahre, die bereits jeder für sich spannend und interessant sind, und die überaus gelungene Verflechtung der Erzählebenen machen das Buch von der Bielefelder Autorin zu einem besonderen und großartigen Lese-Erlebnis. Unbedingte Lese-Empfehlung - ein wirklich tolles Buch!

"In ihrem neuen Roman "Trümmerkind" beschreibt die mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Bestseller-Autorin Mechtild Borrmann das Leben eines Findelkinds im vom Krieg zerstörten Hamburg von 1946 / 1947. Spannung und historisches Zeitgeschehen miteinander zu verknüpfen, versteht Borrmann, die auch für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis nominiert war, wie keine andere deutsche Autorin. Dies stellt sie mit ihren Bestsellern "Wer das Schweigen bricht", "Der Geiger" und "Die andere Hälfte der Hoffnung" und ihrem neuen Roman "Trümmerkind" eindrucksvoll unter Beweis.
Der kleinen Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel - das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …" (Klappentext)

"Von Mechtild Borrmann darf man keinen typischen Kriminalroman erwarten" Oliver Steuck (WDR)

Bestellen Sie dieses Buch bei uns! ISBN 978-3-426-28137-6

Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses

(Empfohlen von Greta Wüppen, Buchtipp)

Im aktuellen Roman beschreibt die Autorin das Leben einer Frau in Istanbul: Peri, verheiratet, 3 Kinder. Die Geschichte der Protagonistin - vor allem ihre innere Zerrissenheit, ihre Beziehung zu Gott und ihre Suche nach der eigenen Identität - wird so anschaulich geschildert, dass man gerne bereit ist, diesem Lebensweg lesend zu folgen.

Weitere Buchbesprechungen in den Kultursparten von NDR und dradio Berlin 

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Paul McVeigh, Guter Junge

(Empfohlen von Heike Carstensen, Bielefeld)

Mickey Donnelly wächst im Belfast der frühen 1980er-Jahre auf. Er ist ein fantasiebegabter Außenseiter, spielt am liebsten mit seiner kleinen Schwester und träumt von einer Karriere als Schauspieler in den USA. Seine Realität sieht aber ziemlich düster aus: Die Grundschule hat er einigermaßen überstanden, weil sein einziger Freund ihn vor den Drangsalierungen der Mitschüler bewahrt hat. Nun droht die weiterführende Schule – ohne den beschützenden Freund. Wir erleben Mickeys Sommerferien als eine Art Countdown vor dem furchterregenden neuen Schuljahr. Wir sehen seine enge Welt voller No-go-Areas: links sind die Protestanten, vorne die britische Armee und auf dem alten Fabrikgelände die Klebstoffschnüffler. Nicht viele Möglichkeiten, sich zu entfalten. Und reißt man den Mund mal zu weit auf, wird man von der IRA angezählt; die Erfahrung muss auch ein halbwüchsiger Junge machen. Und doch werden wir Zeugen, wie sich dieser Junge entwickelt, wesentliche Schritte in Richtung Erwachsenwerden macht und zum Schluss eine verblüffende Lösung eines großen familiären Problems herbeiführt.

Ich wurde von der ersten Seite an in dieses Buch hineingezogen und habe es mit nicht nachlassender Faszination ausgelesen. Ich war selbst Anfang der 1980er-Jahre längere Zeit in Großbritannien, habe die über Nordirland hinausreichende Angst vor Terror und Attentaten hautnah miterlebt. Immer habe ich mich gefragt, wie es wohl sein muss, als Kind in einem solchen von Gewalt geprägten Umfeld aufzuwachsen. „Guter Junge“ ist keine verkappte Dokumentation. Im Zentrum steht wirklich die Entwicklung des kindlichen Helden. Es geht um innere Prozesse, in die die Umgebung natürlich immer wieder hineinfunkt. Und so bekommen wir ganz nebenbei ein eindrückliches Bild der Lebenswirklichkeit im Belfast der 1980er-Jahre.

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Judith Taschler - bleiben

(Empfohlen von Britt Beckmann, Bielefeld)

taschler, bleiben

Die Autorin erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive von vier verschiedenen Protagonisten. Was für mich zunächst etwas verwirrend ist, führte im Verlauf des Romans dazu, dass ich in die Geschichte geradezu „hineingezogen“ wurde.

Wie schon bei ihrem „Roman ohne U“ kann ich dem Schreibstil dieser Autorin nicht widerstehen. Nur noch „ein paar Minuten“ zu lesen vor dem Licht Löschen hat jedenfalls an keinem Abend geklappt, solange ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen hatte.

(Klappentext) Es ist eine kurze, zufällige Begegnung auf der Reise nach Italien: Max, Paul, Felix und Juliane – vier junge Leute, voller Träume für die Zukunft, treffen im Nachtzug nach Rom aufeinander.Juliane und Paul werden heiraten, Max und Felix sich auf eine Weltreise begeben.Nach zwanzig Jahren trifft Juliane Felix zufällig in einer Galerie wieder und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die er jedoch ohne jede Erklärung abbricht. Erst Monate später erfährt Juliane - ausgerechnet von ihrem Mann - den Grund. Die Wahrheit ist furchtbar und lässt das Leben aller eine dramatische Wendung nehmen.

Bestellen Sie dieses Buch bei uns! ISBN 978-3426281321

Joachim Meyerhoff - Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

(Empfohlen von Elisabeth Groth, Bielefeld)

Dieses Buch hat mich laut auflachen lassen und zu Tränen gerührt!

Es lässt teilhaben an der Liebe eines 20jährigen Enkelsohnes zu seinen Großeltern: zärtlich, voller Respekt für die Schrulligkeiten und den ritualisierten Ablauf des Lebens im Alltag dieser Alten, eine Liebe, die dem Erzähler-Ich (von der Großmutter zärtlich „Lieberling“ genannt) hilft, erwachsen zu werden, die ihn mit einem Vertrauensvorschuss seine Ausbildung zum Schauspieler überhaupt überleben lässt. Viel lieber hätte er doch ein Praktikum im Schwesternwohnheim gemacht!

Diese Liebe rührt zu Tränen, wenn die beiden Alten sterben, nachdem sie doch immer so wacker ihre Morgengymnastik auf dem Balkon gemacht haben („ mit von der Nacht aufgestellten Haaren“ und zum Ende hin „nur innerlich“), nachdem sie den Tag mit den Champagner-Weißwein-Whisky-Rotwein-Cointreau-Zeiten strukturiert und mit den immer gleichen Redewendungen begleitet haben.

Das Nebeneinander der Schauspielausbildung mit ihren aberwitzigen Situationen ( „Nussknackerkiefer“, wenn in der Sprecherziehung die Lippen locker flattern sollen, „morsches Hängebrückengefühl“ beim Vorsprechen ) und dem „aus der Zeit gefallenen“ Leben im Hause der Großeltern zeigt sich bildlich wie in einem Bühnenbild in den „abgehalfterten Quadratlatschen“ des Enkels Größe 46/47 neben den blankgeputzten, herrlich gearbeiteten, handgenähten „Budapester“ Schuhen der Großeltern in der Garderobe des großelterlichen Hauses.

Das ist von Meyerhoff „erfindend rekonstruiert“ aus seiner Erinnerung an seine Zeit in München als Schauspielschüler an der Otto-Falkenberg-Schule, während der er bei den Großeltern wohnte. 3 Jahre lang. Und dieser Ton des Erzählens macht das Buch so berührend, komisch, authentisch, unmittelbar. Der Witz der Formulierungen lässt auflachen. Aber es gibt nichts Abwertendes, distanziert Ironisches, sondern eine humorvoll schnodderige Sprache, die eine Leichtigkeit und Freundlichkeit den Menschen und ihrer Geschichte gegenüber herausstellt, die in der Treffsicherheit der Beobachtungen zärtlich bleibt.

Und ganz nebenbei bemerkt:

Dieses Buch ist auch eine Ermutigung zu einem großelterlichen Leben ohne Jugendwahn, zu skurrilen Gewohnheiten, die liebenswert machen. Gerade weil sie so verschroben sind, lässt sich davon erzählen und lässt so die Toten im Erzählten lebendig sein!

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Anthony Doerr - Alles Licht, das wir nicht sehen

(Empfohlen von Jochen Mariss, Bielefeld)

Ein wunderbares Buch, dass für meine Begriffe bei uns (in Amerika ist es ein Riesenerfolg) viel zu wenig Beachtung findet, ist "Alles Licht, das wir nicht sehen" von Anthony Doerr.

In einer sehr bildhaften, sinnlichen Sprache erzählt der Amerikaner die Geschichte des albinoblonden Waisenjungen Werner Hauser aus Essen und des blinden französischen Mädchens Marie-Laure LeBlanc, die durch die Kriegswirren des deutschen Einmarsches in Frankreich aufeinandertreffen. Dieses Aufeinandertreffen wird durch einen strickten, regelmäßigen Wechsel der beiden Perspektiven spannungsvoll inszeniert, schon früh ahnt man, dass sich hier eine schicksalhafte Begegnung anbahnt, die aber erst am Ende des Buches stattfindet.

Die große Nähe zu den Figuren, die nachvollziehbar dargestellte Dramatik der letzten Kriegsjahre und die fein gestrickte Konstruktion der Handlung machen das Buch zu einem überaus packenden Lesegenuss.

Bestellen Sie dieses Buch bei uns! ISBN 978-3442749850

Anna Weidenholzer - Weshalb die Herren Seesterne tragen

(Besprochen von Heike Herrberg)

Es ist etwas Eigenartiges mit diesem Buch: Mich überkam beim Lesen ein Gefühl großer Trostlosigkeit, doch wurde ich immer wieder in den Text hineingezogen, wollte wissen, wie die Geschichte weitergeht – wie der Pensionär Karl Hellmann es schafft, Menschen zum Thema Glück zu befragen.

Ort der Handlung ist ein schneeloser Skiort, wo Karl im Hotel Post zunächst als einziger Gast wohnt. Vieles ist dort so, wie man sich in schlimmen Fantasien die österreichische Provinz im November vorstellt. Und auch der Protagonist ist im Grunde nur schwer zu ertragen. Obwohl er sich aus eigenem Antrieb mit Forschungsgeist auf den Weg gemacht hat, um „herausfinden, woher diese Unzufriedenheit kommt, diese Angst, die manche in die falsche Richtung treibt“, bewegt er sich etwas naiv und geduckt durch die Szenen auf der Suche nach Interviewpersonen. „Wer eine gesellschaftliche Situation verstehen will, muss die Erfahrungen der Menschen zum Sprechen bringen“ – so sein ambitionierter Ansatz, bei dem er viel Wert auf wissenschaftlichen Anspruch legt und seine Befragten mit geschlechtsspezifischen Kürzeln durchnummeriert. Bei all dem ist er oft im fiktiven Gespräch mit der abwesenden Ehefrau, „Margit, mein Mädchen“ – ebenfalls ein Handlungsstrang, der eher Tristesse verbreitet.

Lakonisch skizziert die Autorin eine Reihe skurriler Personen und Situationen, in denen es viel um Ängste, Zweifel und Unglück geht. Anna Weidenholzer hat einen bildkräftigen Blick für das Detail und ihr gelingt mit wenigen Worten, Szenen plastisch zu erschaffen. Diese Art des knappen Schreibstils ist großartig, doch der Funke springt trotzdem nicht recht über.

Bestellen Sie dieses Buch bei uns! ISBN: 978-3-95757-360-5

 

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